Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisations- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situatonistischen Tendenz.

von Guy Debord

Editorische Notiz:

Rapport über die Konstruktion von Situationen wurde als Gründungstext der Situationistischen Internationale erstmalig 1957 in Paris veröffentlicht.

Inhaltsverzeichnis

Revolution und Konterrevolution in der modernen Kultur

Die Auflösung als höchstes Stadium des bürgerlichen Denkens

Die Rolle der minoritären Tendenzen während des Rücklauf.

Plattform für eine provisorische Opposition

Auf dem Weg zu einer Situationistischen Internationale

Unsere unmittelbaren Aufgaben

Revolution und Konterrevolution in der modernen Kultur

Wir meinen zunächst, daß die Welt verändert werden muß. Wir wollen die am weitesten emanzipierende Veränderung von der Gesellschaft und dem Leben, in die wir eingeschlossen sind. Wir wissen, daß es möglich ist, diese Veränderung durch geeignete Aktionen durchzusetzen. Es ist gerade unsere Angelegenheit, bestimmte Aktionsmittel anzuwenden und neue zu erfinden, die auf dem Gebiet der Kultur und der Lebensweise leichter zu erkennen sind, aber mit der Perspektive einer gegenseitigen Beeinflussung aller revolutionären Veränderungen angewandt werden. Das, was man Kultur nennt, spiegelt in einer gegebenen Gesellschaft die Organisationsmöglichkeiten des Lebens wider, es deutet aber auch auf sie hin. Grundsätzlich wird unsere Epoche durch die Verspätung der politischen revolutionären Aktion gegenüber der Entwicklung der modernen Produktionsmöglichkeiten gekennzeichnet, die eine höhere Organisation auf Weltebene verlangen. Wir erleben eine wesentliche Krise der Geschichte, in der das Problem der rationellen Beherrschung der neuen Produktivkräfte und der Schaffung einer Zivilisation auf Weltebene jedes Jahr deutlicher gestellt wird. Doch hat die Aktion der internationalen Arbeiterbewegung, von der der Umsturz der ökonomischen Infrastruktur der Ausbeutung als Vorbedingung abhängt, nur lokale Halberfolge erzielt. Der Kapitalismus erfindet neue Kampfformen - Marktplanung, Erweiterung des Distributionssektors, faschistische Regierungen -, stützt sich auf die entarteten Arbeiterführungen und vertuscht durch verschiedene reformistische Taktiken die Klassengegensätze. So konnte er bisher die alten gesellschaftlichen Verhältnisse in der großen Mehrheit der hochentwickelten Länder aufrechterhalten und folglich weiterhin einer sozialistischen Gesellschaft die für sie unerläßliche materielle Basis entziehen. Dagegen haben die unterentwickelten oder kolonisierten Länder, die seit mehr als zehn Jahren massenweise einen einfacheren Kampf gegen den Imperialismus aufgenommen haben, sehr wichtige Erfolge erzielt. Diese verschärfen die Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft und fördern, besonders im Fall der Chinesischen Revolution, eine Erneuerung der gesamten revolutionären Bewegung. Diese Erneuerung kann sich nicht auf Reformen in den kapitalistischen oder antikapitalistischen Ländern beschränken, sie wird im Gegenteil überall Konflikte in Gang setzen, die die Machtfrage stellen werden.

Die Zersplitterung der modernen Kultur wurde auf der Ebene des ideologischen Kampfes durch den chaotischen Paroxysmus dieser Antagonismen erzeugt. Die neuen, sich zur Zeit definierenden Begierden haben keinen Stützpunkt für ihre Formulierung: zwar ermöglichen die Mittel der Epoche ihre Verwirklichung, aber die rückständige wirtschaftliche Struktur ist nicht imstande, diese Mittel zur Geltung zu bringen. In der gleichen Zeit hat die Ideologie der herrschenden Klasse jede Kohärenz verloren, durch die Entwertung ihrer aufeinanderfolgenden Weltanschauungen, die sie zum historischen Indeterminismus neigen läßt; durch die Koexistenz von chronologisch abgestuften und prinzipiell feindlich gesinnten reaktionären Denkweisen wie z. B. dem Christentum und der Sozialdemokratie; gleichfalls durch die vermischten Beiträge aus mehreren, dem zeitgenössischen Westen fremden Zivilisationen, deren Werte erst seit kurzer Zeit anerkannt werden. Das Hauptziel der Ideologie der herrschenden Klasse ist folglich die Konfusion.

In der Kultur - wenn wir dieses Wort gebrauchen, lassen wir ständig die wissenschaftlichen oder pädagogischen Aspekte der Kultur beiseite, wenn auch die Konfusion offensichtlich auf der Ebene der großen wissenschaftlichen Theorien oder der allgemeinen Unterrichtsauffassungen spürbar ist; wir bezeichnen mit diesem Wort eine aus der Ästhetik, den Gefühlen und Sitten zusammen gesetzte Gesamtheit, die Reaktion einer Epoche auf das alltägliche Leben - in der Kultur laufen die teilweise Annektierung der neuen Werte und die absichtlich anti-kulturelle Produktion mit den Mitteln der Großindustrie (Roman, Film), eine natürliche Folge der Verdummung der Jugend in Schule und Familie, als konfusionistische, konterrevolutionäre Verfahren parallel. Die herrschende Ideologie organisiert die Banalisierung der subversiven Entdeckungen und verbreitet sie im Überfluß, nachdem sie sie sterilisiert hat; ihr gelingt es sogar, die subversiven Individuen zu benutzen: durch Verfälschung ihrer Werke, wenn sie tot sind und schon zu Lebzeiten durch die gesamte ideologische Konfusion, indem sie sie mit einer ihrer mystischen Lehren, mit denen sie Handel treibt, wie mit einer Droge narkotisiert.

So besteht einer der Widersprüche der Bourgeoisie in ihrer Liquidierungsphase darin, das Prinzip der geistigen und künstlerischen Kreation bestehen zu lassen, diesen Schöpfungen gleich entgegenzutreten, um sie dann doch zu benutzen. Sie muß nämlich den Sinn für Kritik und Forschung bei einer Minderheit aufrechterhalten, allerdings unter der Bedingung, daß diese Tätigkeit auf streng zerstückelte, utilitaristischen Fächer hin orientiert und jede gesamte Kritik und Forschung ferngehalten wird. Auf dem Gebiet der Kultur bemüht sich die Bourgeoisie darum, die in unserer Epoche für sie gefährliche Neigung zum Neuen auf bestimmte harmlose und konfuse, heruntergekommene Formen der Neuheit abzulenken. Durch die Handels-Mechanismen, die die kulturelle Tätigkeit beherrschen, werden die Avantgarde-Tendenzen von den Fraktionen getrennt, die sie unterstützen können, obwohl sie schon durch die gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse beschränkt werden. Die Leute, die sich innerhalb dieser Tendenzen ausgezeichnet haben, werden im allgemeinen auf individueller Ebene um den Preis der obligatorischen Verleugnung akzeptiert: Kernpunkt der Debatte ist immer wieder der Verzicht auf eine Gesamtforderung und die Akzeptierung einer fragmentarischen Arbeit, die verschieden interpretiert werden kann. Das verleiht dem Ausdruck selbst der "Avantgarde", der letzten Endes immer wieder von der Bourgeoisie gehandhabt wird, etwas Verdächtiges und Lächerliches.

Der Begriff selbst der kollektiven Avantgarde ist mitsamt dem mit enthaltenen militanten Aspekt das neue Produkt der historischen Bedingungen, die gleichzeitig die Notwendigkeit eines kohärenten revolutionären Programms im kulturellen Bereich und die des Kampfes gegen die Kräfte nach sich ziehen, die die Entwicklung dieses Programms verhindern. Solche Gruppierungen werden dazu gebracht, einige durch die revolutionäre Politik erzeugte Organisationsmethoden auf ihr Tätigkeitsfeld zu übertragen und von nun an kann ihre Aktion nicht mehr ohne Verbindung mit einer Kritik der Politik verstanden werden. In dieser Hinsicht gibt es einen nennenswerten Fortschritt vom Futurismus, Dadaismus und Surrealismus bis zu den nach 1945 entstandenen Bewegungen. Jedoch findet man in jedem dieser Stadien denselben universalistischen Willen zur Veränderung, sowie dieselbe schnelle Zersplitterung, wenn die Unfähigkeit, die wirkliche Welt tief genug zu verändern, einen defensiven Rückzug auf die theoretischen Positionen selbst bewirkt, deren Unzulänglichkeit gerade an den Tag gebracht worden ist.

Der Futurismus, dessen Einfluß sich in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg von Italien aus ausbreitete, nahm die Haltung der Zerrüttung von Literatur und Kunst auf, die zwar zahlreiche Form-Neuheiten mit sich brachte, aber nur auf eine äußerst schematische Anwendung des Begriffs eines durch die Maschinen erzeugten Fortschritts gegründet war.

Der kindisch technische Optimismus des Futurismus verschwand mit der Zeit des bürgerlichen Wohlbefindens, die ihn getragen hatte. Vom Nationalismus zum Faschismus brach der Italienische Futurismus zusammen ohne je zu einem vollständigen Verständnis seiner Zeit zu gelangen. Der in Zürich und New York von Flüchtlingen und Deserteuren aus dem ersten Weltkrieg gegründete Dadaismus wollte die Ablehnung aller Werte der bürgerlichen Gesellschaft verkörpern, deren Bankrott so glanzvoll zutage getreten war. Seine gewalttätigen Manifestationen im Deutschland und Frankreich der Nachkriegszeit richteten sich hauptsächlich auf die Zerstörung der Kunst und des Schreibens sowie in geringerem Maß auf einige Verhaltensweisen (siehe z. B. die absichtlich schwachsinnigen Vorstellungen, Reden und Spaziergänge). Seine historische Rolle ist es, dem herkömmlichen Verständnis der Kultur den tödlichen Stoß versetzt zu haben. Die fast sofortige Auflösung des Dadaismus wurde durch seine völlig negative Definition notwendig. Es ist aber sicher, daß der dadaistische Geist einen Teil aller Bewegungen bestimmt hat, die auf ihn gefolgt sind, und daß sich ein historisch dadaistischer Aspekt der Negation in jeder späteren konstruktiven Position wiederfinden wird, solange die sozialen Verhältnisse nicht abgeschafft worden sind, die die Wiederholung von verfaulten Strukturen erzwingen, deren geistiger Prozeß völlig beendet ist. Die Gründer des Surrealismus, die in Frankreich an der Dada-Bewegung teilgenommen hatten, waren darum bemüht, das Feld einer konstruktiven Aktion zu bestimmen, indem sie von der moralischen Revolte und dem äußersten Verschleiß der traditionellen Kommunikationsmittel ausgingen, die durch den Dadaismus an den Tag gelegt wurden. Der Surrealismus ging von einer poetischen Anwendung der Freudschen Psychologie aus und übertrug die von ihm entdeckten Methoden auf die Malerei, den Film und einige Aspekte des alltäglichen Lebens; dann, in einer verschwommenen Form, auch sehr weit darüber hinaus. Denn es kommt für ein Unternehmen solcher Art nicht darauf an, absolut oder relativ Recht zu haben, sondern für eine gewisse Zeit erfolgreich zum Katalysator der Begierden einer Epoche zu werden. Die durch die Liquidierung des Idealismus und einen kurzfristigen Anschluß an den dialektischen Materialismus gekennzeichnete Periode des Fortschritts des Surrealismus endete kurz nach 1930, aber sein Zerfall wurde erst mit dem Ende des zweiten Weltkrieges offenbar. Der Surrealismus hatte zu dieser Zeit schon in einer größeren Zahl von Ländern Fuß gefaßt. Er hatte außerdem eine Disziplin eingeführt, deren durch kommerzielle Erwägungen oft gemäßigte Strenge nicht überschätzt werden darf, die aber eine wirksame Kampfmaßnahme gegen die konfusionistischen Mechanismen der Bourgeoisie darstellte. Das surrealistische Programm ist mit seiner Behauptung der Souveränität der Begierde und der Überraschung und seinem Vorschlag einer neuen Anwendung des Lebens viel reicher an konstruktiven Möglichkeiten als man allgemein annimmt. Sicher hat der Mangel an materiellen Möglichkeiten den Umfang des Surrealismus stark eingegrenzt. Aber das spiritistische Ende seiner ersten Führer und vor allem die Mittelmäßigkeit der Epigonen führen zwangsläufig dazu, die Ursache für die Negation der Weiterentwicklung der surrealistischen Theorie im Ursprung dieser Theorie selbst zu suchen.

Der an der Wurzel des Surrealismus liegende Irrtum ist die Idee des unendlichen Reichtums der unbewußten Phantasie. Der Grund für den ideologischen Mißerfolg des Surrealismus besteht darin, die Wette eingegangen zu sein, das Unbewußte sei die endlich entdeckte große Lebenskraft; weiter darin, daß er die Geschichte der Ideen dementsprechend überprüft und sie nicht weitergeführt hat. Wir wissen schließlich, daß die unbewußte Phantasie arm und die automatische Schrift eintönig ist, sowie daß eine ganze Art von "Ungewöhnlichkeit", die von weitem die unveränderliche surrealistische Attitüde zur Schau trägt, außerordentlich wenig überraschend ist. Jede formale Treue gegenüber diesem Phantasiestil führt letztlich zu etwas zurück, das den modernen Bedingungen des Imaginären genau entgegengesetzt ist: zum herkömmlichen Okkultismus. Wie stark der Surrealismus von seiner Hypothese über das Unbewußte abhängig geblieben ist, kann man an der Arbeit der theoretischen Vertiefung messen, die von der zweiten surrealistischen Generation versucht wurde: Callas und Mabille verknüpfen alles mit den beiden aufeinanderfolgenden Aspekten der surrealistischen Praxis des Unbewußten - der erste mit der Psychoanalyse und der zweite mit kosmischen Einflüssen. Praktisch ist die Entdeckung der Rolle des unbewußten eine Überraschung und eine Neuigkeit gewesen, aber kein Gesetz für zukünftige Überraschungen und Neuigkeiten. Das hatte schließlich auch Freud entdeckt, als er schrieb: "Alles das, was bewußt ist, nützt sich ab. Das, was unbewußt ist, bleibt unverderblich. Ist es aber einmal befreit worden, wird es nicht auch wieder zerfallen? "

Indem der Surrealismus einer scheinbar irrationalen Gesellschaft entgegen trat, in der der Bruch zwischen der Wirklichkeit und den immer noch lautstark verkündeten Werten bis zum Absurden getrieben wurde, benutzte er das Irrationale gegen sie, um ihre oberflächlichen logischen Werte zu zerstören. Der Erfolg des Surrealismus hat viel zu der Tatsache beigetragen, daß die Ideologie dieser Gesellschaft in ihrem modernsten Aspekt eine strenge Hierarchie künstlicher Werte aufgegeben hat, wiederum aber ganz offen das Irrationale und bei derselben Gelegenheit auch das benutzt, was vom Surrealismus übrig geblieben ist. Vor allem muß die Bourgeoisie einen neuen Anfang des revolutionären Denkens verhindern. Sie ist sich des gefährlichen Charakters des Surrealismus bewußt gewesen. Jetzt, da sie ihn in dem üblichen ästhetischen Handel auflösen konnte, stellt sie mit Gefallen fest, daß er den äußersten Punkt der Zerrüttung erreicht hatte. So pflegt sie eine Art Sehnsucht nach ihm und bringt gleichzeitig jede neue Forschung in Verruf, indem sie sie automatisch auf das surrealistische Schon-da-Gewesene zurückführt - d.h. auf eine Niederlage, die für sie von niemandem wieder in Frage gestellt werden kann. Die Ablehnung der Entfremdung in der Gesellschaft der christlichen Moral hat einige Menschen zum Respekt vor der völlig irrationalen Entfremdung der primitiven Gesellschaften gebracht - das ist alles. Wir müssen weiter voran gehen und mehr Rationalität in die Welt bringen - das ist die Vorbedingung, um ihr die Leidenschaft zu bringen.

Die Auflösung als höchstes Stadium des bürgerlichen Denkens

Die beiden Hauptsitze der angeblich modernen Kultur sind Paris und Moskau. Die aus Paris hervorgegangenen Moderichtungen, bei deren Ausarbeitung die Franzosen keine Mehrheit haben, beeinflussen Europa, Amerika und die anderen entwickelten Länder der kapitalistischen Zone wie z.B. Japan. Die verwaltungsmäßig von Moskau aufgezwungenen Moderichtungen beeinflussen alle Arbeiterstaaten und wirken in einem schwachen Maß auf Paris und dessen europäische Einflußzone zurück. Moskaus Einfluß hat einen direkt politischen Ursprung. Um den immer noch aufrechterhaltenen, traditionellen Pariser Einfluß zu verstehen, muß man den in der beruflichen Konzentration gewonnenen Vorsprung berücksichtigen.

Da das bürgerliche Denken sich in der systematischen Konfusion verloren hat und das marxistische Denken in den Arbeiterstaaten tiefgreifend verfälscht wurde, herrscht sowohl im Osten als auch im Westen der Konservatismus - vor allem auf dem Gebiet der Kultur und der Lebensweise. Er stellt sich in Moskau zur Schau, indem er das Benehmen übernimmt, das für das Kleinbürgertum des 19. Jahrhunderts typisch war. In Paris verkleidet er sich als Anarchismus, Zynismus oder Humor. Obwohl die beiden herrschenden Kulturen grundsätzlich unfähig sind, sich die wirklichen Probleme unserer Zeit anzueignen, kann man doch sagen, daß das Experiment im Westen weiter geführt wurde und daß die Moskauer Zone auf diesem Produktionsgebiet als eine unterentwickelte Region erscheint.

In der bürgerlichen Zone, in der insgesamt eine scheinbare intellektuelle Freiheit geduldet worden ist, fördern die Kenntnis der Ideen-Geschichte oder die konfuse Einsicht in die vielfachen Umweltumgestaltungen das Bewußtwerden einer laufenden Umwälzung, deren Triebfedern unkontrollierbar sind. Die herrschende Sensibilität versucht, sich anzupassen, indem sie gleichzeitig neue Veränderungen verhindert, die ihr in letzter Konsequenz schädlich sein müssen. Die gleichzeitig durch die rückschrittlichen Strömungen vorgeschlagenen Lösungen laufen zwangsläufig auf folgende drei Haltungen hinaus: die Ausdehnung der Moderichtungen, die durch die dadaistisch-surrealistische Krise eingeführt wurden (die nichts anderes ist als der ausgearbeitete kulturelle Ausdruck einer Geistesverfassung, die überall spontan entsteht, wenn nach den vergangenen Lebensweisen auch der bis dahin angenommene Lebenssinn zusammenbricht) die Einrichtung in den geistigen Ruinen und schließlich die Rückkehr nach weiter zurück.

Was die anhaltenden Moderichtungen betrifft, so trifft man eine verwässerte Form des Surrealismus überall an. Sie enthält alle Geschmacksrichtungen der surrealistischen Epoche, aber keine ihrer Ideen. Die Wiederholung macht ihre Ästhetik aus. In diesem senil-okkultistischen Stadium sind die Überbleibsel der orthodoxen surrealistischen Bewegung genauso unfähig, eine ideologische Position zu halten wie irgend etwas zu erfinden: sie bürgen für immer vulgärere Quacksalberei und bitten sogar um mehr.

Sich in der Nichtigkeit bequem einzurichten, ist die kulturelle Lösung, die sich in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg am stärksten verbreitet hat. Dabei bleibt die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten offen, die zur Genüge veranschaulicht wurden: entweder die Verheimlichung des Nichts mittels einer geeigneten Terminologie oder seine ungenierte Behauptung. Die erste Wahl ist vor allem seit der existentialistischen Literatur berühmt geworden, die unter dem Deckmantel einer Philosophie auf Pump die mittelmäßigsten Aspekte der kulturellen Entwicklung der dreißig vorausgegangenen Jahre reproduzierte und durch Verfälschungen des Marxismus oder der Psychoanalyse oder sogar durch blindlings wiederholte politische Engagements und Rücktritte ihr Interesse von werbungsmäßiger Herkunft aufrechterhielt. Diese Verfahren haben sehr viele Mitläufer gehabt, ob sie sich nun zur Schau gestellt oder versteckt gehandelt haben. Die immer noch bestehenden abstrakten Maler sowie die Theoretiker, die sie definieren, stellen eine Tatsache ähnlicher Art und vergleichbaren Umfangs dar.

Die fröhliche Behauptung einer vollkommenen geistigen Nichtigkeit kennzeichnet das Phänomen, das in der neuzeitlichen Neo-Literatur als "Zynismus der jungen Romanciers der Rechten" bezeichnet wird. Er erstreckt sich jedoch weit über die Rechte und ihre Leute, die Romanciers oder ihre Halbjugend hinaus.

Unter den Tendenzen, die eine Rückkehr zur Vergangenheit verlangen, tut sich die Lehre des sozialistischen Realismus am dreistesten hervor, da sie mit ihrer Behauptung, sich auf die Folgerungen einer revolutionären Bewegung zu stützen, auf dem Gebiet der kulturellen Schöpfung eine nicht zu verteidigende Position verfechten kann. 1948 legte Andrei Schdanov auf der Konferenz der Sowjetischen Musiker das dar, was bei seiner theoretischen Repression auf dem Spiel stand: "Haben wir richtig gehandelt, als wir die Schätze der klassischen Malerei erhalten und diejenigen aus dem Feld geschlagen haben, die die Malerei liquidieren wollten? Hätte nicht das Fortleben solcher "Schulen" die Liquidierung der Malerei bedeutet?" Gegenüber dieser Liquidierung der Malerei, sowie vielen sonstigen Liquidierungen, stellt die entwickelte Bourgeoisie den Zusammenbruch all ihrer Wert Systeme fest und setzt aus einer Reaktion der Verzweiflung und des politischen Opportunismus auf die vollständige ideologische Auflösung. Im Gegensatz dazu findet sich Schdanov - mit dem für den Emporkömmling charakteristischen Geschmack - in dem Kleinbürger wieder, der gegen die Auflösung der kulturellen Werte des vergangenen Jahrhunderts ist, und will nichts anderes versuchen als die autoritäre Wiederherstellung dieser Werte. Er ist idealistisch genug zu glauben, vorübergehende und lokalisierte politische Umstände könnten es einem ermöglichen, die allgemeinen Probleme einer Epoche wegzuzaubern, wenn man sich dazu zwingt, die überholten Probleme noch einmal zu überdenken, nachdem man hypothetisch alle Schlußfolgerungen ausgeschlossen hat, die die Geschichte zu ihrer Zeit aus diesen Problemen gezogen hat.

Die herkömmliche Propaganda der religiösen Organisation und besonders der katholischen Kirche steht diesem sozialistischen Realismus in ihrer Form und einigen Aspekten ihres Inhalts nah. Durch eine unveränderliche Propaganda verteidigt der Katholizismus eine gesamte ideologische Struktur, die er als einzige unter den Mächten der Vergangenheit immer noch besitzt. Um sich aber wieder der immer zahlreicheren Sektoren zu bemächtigen, die sich ihrem Einfluß entziehen, treibt die katholische Kirche gleich laufend mit ihrer traditionellen Propaganda die Beschlagnahme der modernen Formen der Kultur weiter - vor allem bei denen, die der theoretisch komplizierten Nichtigkeit zugehören, wie z. B. die sogenannte "informelle" Malerei. Die katholischen Reaktionäre haben im Vergleich mit den anderen bürgerlichen Tendenzen eigentlich den Vorteil, in dem Fach, in dem sie sich auszeichnen, um so leichter und fröhlicher bis zum Äußersten gehen zu können, da sie mit Sicherheit über eine Hierarchie permanenter Werte verfügen.

Das gegenwärtige Ergebnis der Krise der modernen Kultur ist die ideologische Auflösung. Nichts Neues kann auf diesen Trümmern mehr aufgebaut werden und die bloße Ausübung des kritischen Geistes wird unmöglich, da jedes Urteil gegen die anderen stößt und jeder sich auf Überreste aus nicht mehr benutzten Gesamtsystemen oder persönliche Gefühlsimperative bezieht: Die Auflösung ist überall vorgedrungen. Es ist schon nicht mehr so, daß ein massiver Einsatz der kommerziellen Werbung einen immer größeren Einfluß auf die Urteile über die kulturellen Schöpfungen ausübt - das war ein altes Verfahren. Jetzt ist man zu einem Punkt des Mangels an Ideologie gelangt, an dem nur die tätige Werbung wirkt, ausschließlich jeden vorherigen kritischen Urteils, aber nicht ohne einen bedingten Reflex des kritischen Urteils nach sich zu ziehen. Das komplizierte Zusammenspiel der Verkaufs­techniken führt dazu, automatisch und zur allgemeinen Überraschung der Professionellen, Pseudothemen der kulturellen Diskussion hervorzubringen. Das macht die soziologische Bedeutung des Sagan-Drouet-Phänomes aus, ein Experiment, das in den drei letzten Jahren in Frankreich durchgeführt wurde und dessen Widerhall sogar die Grenze der auf Paris gerichteten Kultur-Zone überschritten haben soll, indem es in den Arbeiterstaaten Interesse erweckte. Die dem Sagan-Drouet-Phänomen gegenüber gestellten professionellen Kulturkritiker bekommen das unvoraussehbare Resultat von Mechanismen zu spüren, die ihnen entgehen, und erklären es im allgemeinen mit der Zirkusreklame. Aus Berufsgründen aber müssen sie sich durch Phantomkritiken von diesen Phantomwerken absetzen (ein Werk, dessen Interesse sich nicht erklären läßt, stellt übrigens für die konfusionistische bürgerliche Kritik das reichhaltigste Thema dar). Notwendigerweise bleibt ihnen die Tatsache unbewußt, daß die geistigen Mechanismen der Kritik ihnen schon lange entgangen waren, bevor äußere Mechanismen zur Ausnutzung dieser Leere erschienen. Sie verwahren sich dagegen, in Sagan-Drouet die lächerliche Kehrseite der Verwandlung der Ausdrucksmittel in ein Wirkungsmittel auf das alltägliche Leben zu erkennen. Dieser Aufhebungsprozeß hat das Leben des Autors immer wichtiger gemacht im Verhältnis zu seinem Werk. Als dann die Periode der wichtigen Aussagen ihre höchste Reduzierung erreicht hatte, ist als einzige Bedeutungsmöglichkeit die Person des Autors übriggeblieben, der gerade nichts anderes Nennenswertes als sein Alter, ein modisches Laster, einen früheren pittoresken Beruf usw. vorweisen konnte.

Die jetzt zum Kampf gegen die ideologische Auflösung zu vereinigende Opposition darf übrigens nicht bestrebt sein, die Possen zu kritisieren, die in den verurteilten Formen wie z.B. der Lyrik oder dem Roman zum Vorschein kommen. Wir müssen die Aktivitäten kritisieren, die für die Zukunft wichtig sind, diejenigen, die wir benutzen wollen. Die Art und Weise, wie die funktionalistische Theorie in der Architektur auf die rückschrittlichsten Auffassungen über die Gesellschaft und die Moral gegründet ist, ist ein schlimmes Zeichen für die gegenwärtige ideologische Auflösung. Das heißt, daß eine überaus rückständige Vorstellung des Lebens und seines Rahmens in partielle und vorübergehend gültige Beiträge vom ersten Bauhaus oder von der Schule Le Corbusiers ein geschmuggelt wird.

Seit 1956 deutet jedoch alles darauf hin daß wir eine neue Entwicklungsstufe des Kampfes betreten und daß der Druck der revolutionären Kräfte, die an allen Fronten auf die trostlosesten Hindernisse stoßen, doch damit beginnt, die Verhältnisse der vorherigen Periode zu verändern. Gleichzeitig kann man zusehen, wie der sozialistische Realismus in den Ländern des anti-kapitalistischen Lagers zusammen mit der stalinistischen Reaktion, die ihn hervorgebracht hatte, anfängt zurückzuweichen wie die Sagan-Drouet-Kultur eine vermutlich unüberschreitbare Stufe der bürgerlichen Dekadenz kennzeichnet; wie man sich schließlich im Westen des Ausverkaufs der kulturellen Hilfsmittel relativ bewußt wird, die seit dem Ende des zweiten Weltkrieges benutzt worden sind. Die avantgardistische Minderheit kann also wieder zu einem positiven Wert finden.

Die Rolle der minoritären Tendenzen während des Rücklauf.

Der Rücklauf der revolutionären Bewegung auf Weltebene, der einige Jahre nach 1920 sichtbar geworden ist und bis in die Jahre kurz vor 1950 immer ausgeprägter wird, folgt mit einem Zeitabstand von fünf oder sechs Jahren dem Rücklauf der Bewegungen, die versucht haben, emanzipatorische Neuheiten in der Kultur und im alltäglichen Leben zu behaupten. Die ideologische und materielle Bedeutung solcher Bewegungen nimmt bis zum Punkt der totalen Isoliertheit innerhalb der Gesellschaft ununterbrochen ab. Ihre Wirkung, die unter günstigeren Bedingungen eine plötzliche Erneuerung der Gefühlsstimmung erzeugen kann, wird immer schwächer, bis es den konservativen Tendenzen gelingt, ihr jedes direkte Eingreifen in das gefälschte Spiel der offiziellen Kultur zu verbieten. Indem diese Bewegungen von ihrer Rolle in der Produktion neuer Werte ausgeschlossen werden, kommen sie allmählich dahin, eine Reservearmee der geistigen Arbeit zu bilden, aus der die Bourgeoisie Individuen abschöpfen kann, die neue Nuancen in ihre Propaganda bringen sollen.

An diesem Punkt der Auflösung kommt der Experimentalavantgarde eine scheinbar geringere Bedeutung in der Gesellschaft zu als den pseudo-modernistischen Tendenzen, die sich keineswegs darum bemühen, einen Willen zur Veränderung zur Schau zu stellen, sondern mit grossen Mitteln die moderne Seite der anerkannten Kultur vertreten. Alle diejenigen jedoch, die in der wirklichen Produktion der modernen Kultur einen Platz haben und ihre Interessen als Produzenten dieser Kultur umso lebhafter entdecken, als sie sich auf eine negative Position beschränken müssen, entwickeln von diesen Angaben aus ein Bewußtsein, das den modernistischen Komödianten der zu Ende gehenden Gesellschaft fehlen muß. Die Dürftigkeit der anerkannten Kultur und ihr Monopol auf die kulturellen Produktionsmittel bewirken die verhältnismäßige Dürftigkeit der Theorie und der Manifestationen der Avantgarde. Nur innerhalb dieser Avantgarde bildet sich aber unmerklich eine neue revolutionäre Auffassung der Kultur. Diese neue Auffassung muß sich in dem Augenblick behaupten, in dem die herrschende Kultur und die Entwürfe einer oppositionellen Kultur den äußersten Punkt ihrer Trennung und ihrer gegenseitigen Unfähigkeit erreichen.

Die Geschichte der modernen Kultur während des revolutionären Rücklaufs ist also die Geschichte der theoretischen und praktischen Reduzierung der Bewegung der Erneuerung bis zur Absonderung der minoritären Tendenzen und zur ausschließlichen Herrschaft der Auflösung.

Zwischen 1930 und dem zweiten Weltkrieg kann man beobachten, wie der Surrealismus als revolutionäre Kraft ständig schwindet und gleichzeitig seinen Einfluß sehr weit über jede Kontrolle hinaus erweitert. Die Nachkriegszeit zieht die schnelle Liquidierung des Surrealismus durch die beiden Elemente nach sich, die um 1930 seine Weiterentwicklung gebrochen haben - den Mangel an Möglichkeiten einer theoretischen Erneuerung und den Rücklauf der Revolution, der sich durch die politische und kulturelle Reaktion in der Arbeiterbewegung äußert. So spielt z.B. das zweite Element bei der Auflösung der surrealistischen Gruppe in Rumänien eine unmittelbar ausschlaggebende Rolle. Andererseits verurteilt vor allem das erste Element die surrealistisch-revolutionäre Bewegung in Frankreich und Belgien zu einer schnellen Zersplitterung. Außer in Belgien, wo eine aus dem Surrealismus hervorgegangene Fraktion weiter eine gültige experimentelle Position behaupten konnte, haben sich alle weltweit zerstreuten surrealistischen Tendenzen dem Lager des mystischen Idealismus angeschlossen. Eine "Internationale der experimentellen Künstler" - sie gab die Zeitschrift "Cobra" (Kopenhagen/Brüssel/Amsterdam) heraus - schloß sich einem Teil der surrealistisch-revolutionären Bewegung an: sie bildete sich zwischen 1949 und 1951 in Dänemark, Holland und Belgien und dehnte sich dann nach Deutschland aus. Diese Gruppen haben sich dadurch verdient gemacht, daß sie verstanden, daß die komplizierten und umfangreichen aktuellen Probleme eine solche Organisation verlangen. Aber der Mangel an ideologischer Strenge, der hauptsächlich plastische Aspekt ihrer Forschung und vor allem der Mangel an einer Gesamttheorie der Bedingungen und Perspektiven ihres Experiments zogen ihr Auseinandergehen nach sich. In Frankreich war der Lettrismus aus einer völligen Opposition gegen die gesamte bekannte ästhetische Bewegung hervorgegangen, deren ständiges Absterben er gerade analysierte. Die lettristische Gruppe, die die ununterbrochene Schöpfung neuer Formen auf allen Gebieten beabsichtigte, betrieb zwischen 1946 und 1952 eine heilsame Agitation. Nachdem sie aber allgemein die Meinung vertrat, daß die verschiedenen ästhetischen Zweige einen neuen Anfang in einem dem alten ähnlichen, allgemeinen Rahmen erfahren sollten, wurden ihre Produktionen durch diesen idealistischen Irrtum auf einige lächerliche Experimente beschänkt. 1952 organisierte sich die lettristische Linke in der "Lettristischen Internationale" und schloß die rückständige Fraktion aus. Innerhalb der "Lettristischen Internationale" wurde durch lebhafte Kämpfe zwischen den Tendenzen die Suche nach neuen Interventionsverfahren in das alltägliche Leben fortgesetzt. In Italien gelangten Bildungsversuche von mit den alten Kunst-Perspektiven verbundenen Avantgarden nicht einmal zu einem theoretischen Ausdruck - mit der Ausnahme der experimentellen anti-funktionalistischen Gruppe, die 1955 die stärkste Sektion der internationalen Bewegung für ein imaginistisches Bauhaus bildete. Unterdessen herrschte von den Vereinigten Staaten bis Japan der Geist der Nachahmung der westlichen Kultur bezüglich dessen, was sie an Harmlosem vorzuweisen hat. (Die Avantgarde aus den USA, die gewöhnlich in der amerikanischen Kolonie in Paris zusammenkommt, gerät dort in die Isoliertheit des plattesten Konformismus vom ideologischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Standpunkt aus.) Die Produktionen der Völker, die immer noch einem - oft durch politische Unterdrückung bewirkten - kulturellen Kolonialismus unterworfen sind, spielen in den fortgeschrittenen Kulturzentren eine reaktionäre Rolle, wenn sie auch in ihren Ländern fortschrittlich sein mögen. Denn all die Kunstkritiker, deren ganze Karriere mit überholten Bezugnahmen auf die alten Kreationssysteme verbunden ist, tun so, als ob sie für ihr Gefühl im griechischen Film oder im Roman aus Guatemala Neuheiten finden würden. Somit nehmen sie ihre Zuflucht zu einem Exotismus, der gerade anti-exotisch ist, da es sich dabei um die Neuerscheinung alter, mit Verspätung in anderen Nationen benutzter Formen handelt, der aber recht gut die hauptsächliche Funktion des Exotismus hat: die Flucht aus den wirklichen Lebens- und Kreationsbedingungen.

In den Arbeiterstaaten steht nur das von Brecht in Berlin durchgeführte Experiment den Konstruktionen nah, auf die es uns heute ankommt, da es den klassischen Begriff des Schauspiels in Frage stellte. Allein Brecht ist es gelungen, sich der Dummheit des sozialistischen Realismus an der Macht zu widersetzen.

Jetzt, wo der sozialistische Realismus zerfällt, kann man sich vom revolutionären Durchbruch der Intellektuellen der Arbeiterstaaten zu den wirklichen Problemen der modernen Kultur alles versprechen. Ist der Schdanovismus der reinste Ausdruck nicht nur des kulturellen Verfalls der Arbeiterbewegung, sondern auch der der konservativen Kultur-Position innerhalb der bürgerlichen Welt gewesen, so können diejenigen, die sich zur Zeit im Osten gegen den Schdanovismus auflehnen - welches auch immer ihre subjektiven Absichten sein mögen - es nicht zugunsten einer größeren schöpferischen Freiheit tun, die z.B. nur diejenige eines Cocteau sein würde. Man muß genau sehen, daß der objektive Sinn einer Negation des Schdanovismus die Negation der schdanovistischen Negation der "Liquidierung" ist. Die einzig mögliche Aufhebung des Schdanowismus wird die Ausübung einer wirklichen Freiheit sein, die in der Kenntnis der gegenwärtigen Notwendigkeit besteht.

Bei uns sind die jüngst vergangenen Jahre gleichfalls höchstens eine Periode des konfusen Widerstands gegen die konfuse Herrschaft der rückschrittlichen Dummheit gewesen. Wir waren nicht viele. Wir müssen aber nicht bei den Geschmacksrichtungen oder den kleinen Fundstücken dieser Periode verweilen. Die Probleme der kulturellen Schöpfung können nur noch in Verbindung mit einem neuen Vorstoß der Weltrevolution gelöst werden.

Plattform für eine provisorische Opposition

Das Ziel einer revolutionären Aktion auf dem Gebiet der Kultur kann es nicht sein, das Leben wiederzugeben oder zu erklären, sondern es zu erweitern. Überall muß das Unglück zurückgeschlagen werden. Die Revolution läßt sich nicht in der Frage erfassen, welche Produktionsstufe die Schwerindustrie jetzt erreicht hat und wer sie beherrschen wird. Zusammen mit der Ausbeutung des Menschen müssen die Leidenschaften, die Kompensationen und die Gewohnheiten sterben, die Produkte der Ausbeutung waren. Es müssen neue, in Zusammenhang mit den heutigen Möglichkeiten stehende Begierden definiert werden. Schon heute im heftigsten Grad des Kampfes zwischen der gegenwärtigen Gesellschaft und den Kräften, die sie zerstören werden, müssen die ersten Elemente einer höheren Umwelt-Konstruktion und neue Verhaltensbedingungen gefunden werden; sowohl als Experiment wie auch als Propagandamittel. Alles übrige gehört der Vergangenheit an und ist ihr von Nutzen.

Jetzt muß eine organisierte kollektive Arbeit unternommen werden, die eine einheitliche Anwendung aller Umwälzungsmittel des alltäglichen Lebens anstrebt. Das heißt, daß wir zuerst die gegenseitige Abhängigkeit dieser Mittel in der Perspektive einer größeren Herrschaft über die Natur und einer größeren Freiheit erkennen müssen. Wir müssen neue Stimmungen konstruieren, die zugleich Produkt und Werkzeug neuer Verhaltensweisen sind.

Dafür müssen anfangs die heute vorhandenen alltäglichen Verhaltensweisen und die Kulturformen empirisch angewandt werden, indem man ihnen jeden eigenen Wert aberkennt. Das Kriterium selbst der Neuheit, der formalen Erfindung hat im traditionellen Rahmen einer Kunst seinen Sinn verloren, d. h. im Rahmen eines unzureichenden fragmentarischen Mittels, dessen partielle Erneuerungen von vornherein überholt - und folglich unmöglich geworden sind. Wir sollten die moderne Kultur nicht ablehnen, sondern in unseren Besitz bringen, um sie zu verneinen. Es kann keinen revolutionären Intellektuellen geben, wenn er die kulturelle Revolution nicht anerkennt, die vor uns steht. Ein schöpferischer Intellektueller kann nicht dadurch revolutionär sein, daß er einfach die Politik einer Partei unterstützt, sei es sogar mit neuartigen Mitteln, sondern dadurch, daß er neben den Parteien auf die notwendige Veränderung des gesamten kulturellen Überbaus hinarbeitet. Gleichfalls bestimmt in letzter Instanz weder die soziale Herkunft noch die angeeignete Kultur - der gemeinsame Ausgangspunkt für Kritik und Kreation - sondern die Rolle innerhalb der Produktion der historisch bürgerlichen Formen der Kultur die Eigenschaft eines bürgerlichen Intellektuellen. Wenn die bürgerliche Literaturkritik Autoren lobt, die auf politischer Ebene revolutionäre Meinungen haben, sollten diese danach suchen, welche Fehler sie begangen haben.

Die Vereinigung mehrerer experimenteller Tendenzen zu einer revolutionären Front in der Kultur, die auf dem Ende 1956 in Alba in Italien veranstalteten Kongreß begonnen hat, setzt voraus, daß wir drei wichtige Faktoren nicht außer acht lassen wollen.

Zunächst muß eine völlige Übereinstimmung zwischen den Personen und Gruppen, die an dieser gemeinsamen Aktion teilnehmen, verlangt werden und diese Übereinstimmung darf nicht erleichtert werden, indem man Unklarheiten über einige Konsequenzen dieser Aktion zuläßt. Fernhalten muß man die Witzbolde oder Karrieremacher, die ahnungslos genug sind, um auf einem solchen Weg vorankommen zu wollen.

Zweitens muß man daran erinnern, daß schon oft, wenn auch jedes wirklich experimentelle Verhalten benutzbar ist, eine mißbräuchliche Anwendung dieses Wortes versucht hat, eine künstlerische Aktion innerhalb einer aktuellen, d. h. schon vorher von anderen erfundenen Struktur zu rechtfertigen. Dem einzig gültigen experimentellen Schritt liegt eine genaue Kritik der bestehenden Verhältnisse und deren überlegte Aufhebung zugrunde. Es muß ein für allemal deutlich gesagt werden, daß man das unmöglich eine Schöpfung nennen kann, was nur eine persönliche Ausdrucksform im Rahmen von Mitteln ist, die von anderen geschaffen worden sind. Schaffen heißt nicht, Gegenstände und Formen anordnen, sondern neue Gesetze dieser Anordnung erfinden.

Schließlich müssen wir die Sektiererei unter uns liquidieren, die der Aktionseinheit mit möglichen Verbündeten zu bestimmten Zielen entgegen steht und die Unterwanderung paralleler Organisationen verhindert. Zwischen 1952 und 1955 hat sich die Lettristische Internationale nach einigen notwendigen Säuberungen ständig zu einer Art absoluten Strenge hin entwickelt, die zu einer gleichsam absoluten Isolierung und Wirkungslosigkeit führte und auf die Dauer eine gewisse Immobilität und einen Verfall des kritischen und erfinderischen Geistes förderte. Wir müssen dieses sektiererische Verhalten endgültig zugunsten von wirklichen Aktionen überwinden. Nach diesem einzigen Kriterium sollten wir uns Genossen anschliessen oder sie verlassen. Natürlich soll das nicht bedeuten, daß es zu keinem Bruch mehr kommen darf, wozu man uns allgemein auffordert. Im Gegenteil meinen wir, daß wir unseren Bruch mit den Gewohnheiten und den Personen noch weiter treiben müssen.

Wir müssen kollektiv unser Programm definieren und es diszipliniert und mit allen Mitteln - auch den künstlerischen  - verwirklichen.

Auf dem Weg zu einer Situationistischen Internationale

Unser Hauptgedanke ist der einer Konstruktion von Situationen - d. h. der konkreten Konstruktion kurzfristiger Lebensumgebungen und ihrer Umgestaltung in eine höhere Qualität der Leidenschaft. Wir müssen eine geordnete Intervention in die komplizierten Faktoren zweier großer, sich ständig gegenseitig beeinflussender Komponenten durchführen: die materielle Szenerie des Lebens und die Verhaltensweisen, die sie hervorbringt und durch die sie erschüttert wird.

In ihrer letzten Entwicklungsstufe führen unsere Perspektiven einer Einwirkung auf die Szenerie zur Konzeption eines unitären Urbanismus. Der unitäre Urbanismus läßt sich erstens durch die Anwendung der gesamten Kunst-Richtungen und Techniken als Mittel definieren, die zu einer vollständigen Umweltanordnung zusammen wirken. Diese Gesamtheit muß als unendlich breiter betrachtet werden als die alte Herrschaft der Architektur über die traditionellen Kunstrichtungen oder die gegenwärtige gelegentliche Anwendung von spezialisierten Techniken oder wissenschaftlichen Untersuchungen wie z. B. der Ökologie auf den anarchischen Urbanismus. Der unitäre Urbanismus wird z. B. sowohl die klangliche Umwelt als auch die Verteilung der verschiedenen Getränke oder Essensarten beherrschen können. Er wird das Erfinden von neuen Formen und die Zweckentfremdung der bekannten Formen der Architektur und des Urbanismus umfassen - und gleichfalls die Zweckentfremdung der alten Poesie und des alten Films. Die integrale Kunst, von der so viel gesprochen wurde, konnte nur auf der Ebene des Urbanismus verwirklicht werden. Sie konnte allerdings keiner der traditionellen Definitionen der Ästhetik mehr entsprechen. In jeder seiner experimentellen Städte wird der unitäre Urbanismus durch eine bestimmte Anzahl von Kraftfeldern wirken, die wir vorübergehend durch das klassische Wort "Viertel" bezeichnen können. Jedes Viertel wird eine genaue Harmonie anstreben, die gleichzeitig mit den benachbarten Harmonien bricht; oder es wird mit einem maximalen Bruch der inneren Harmonie spielen.

Zweitens ist der unitäre Urbanismus dynamisch, d. h. er steht in einem engen Zusammenhang mit Verhaltensstilen. Nicht das Haus ist das kleinste Element des unitären Urbanismus, sondern der architektonische Komplex, der aus der Zusammenstellung aller Faktoren besteht, die eine Stimmung oder eine Folge aufeinanderstossender Stimmungen im Maßstab der konstruierten Situation bedingen. Die räumliche Entwicklung muß die Gefühlswirklichkeiten berücksichtigen, die durch die experimentelle Stadt bestimmt werden. Einer unserer Genossen hat eine Theorie der "Stimmungsviertel" hervorgebracht, nach der jedes Stadtviertel die Erzeugung eines einfachen Gefühls anstreben sollte, dem sich das Subjekt wissentlich aussetzt. Anscheinend zieht ein solches Projekt aus einer Entwertungsbewegung der zufälligen primären Gefühle angebrachte Schlußfolgerungen und seine Durchführung kann zur Beschleunigung dieser Bewegung beitragen. Die Genossen, die eine neue, freie Architektur fordern, müssen verstehen, daß sie in erster Linie nicht mit Linien und freien poetischen Formen - in dem Sinne, in dem diese Worte heute von denen gebraucht werden, die sich auf eine Malerei der "lyrischen Abstraktion" berufen - spielen wird, sondern vielmehr mit den Stimmungseffekten von Zimmern, Gängen, Straßen usw., wobei die Stimmung mit den in ihr enthaltenen Gesten verbunden ist. Der Fortschritt der Architektur sollte vielmehr in der Herstellung von aufregenden Situationen als in der von aufregenden Formen liegen; und die Experimente, die sie mit diesem Gegenstand anstellt, werden zu unbekannten Formen führen. Somit bekommt also die psychogeographische Forschung - die "Forschung nach den genauen Gesetzen und Wirkungen der bewußt oder unbewußt eingerichteten geographischen Umwelt, die direkt das Gefühlsverhalten der Individuen beeinflußt" - ihren doppelten Sinn als tätige Beobachtung der heutigen Stadtbilder und Erstellung von Hypothesen über die Struktur einer situationistischen Stadt. Der Fortschritt der Psychogeographie hängt in weiterem Maße von der statistischen Erweiterung ihrer Beobachtungsmethoden ab, vor allem aber von den Experimenten mit konkreten Interventionen in den Urbanismus. Bis zu dieser Entwicklungsstufe kann man der objektiven Wahrheit der ersten psychogeographischen Angaben nicht sicher sein. Wenn diese Angaben aber auch falsch sein sollten, so wären sie bestimmt die falschen Lösungen eines wirklichen Problems.

Unsere Einwirkung auf das Verhalten, die in Verbindung mit den anderen, wünschenswerten Aspekten einer Revolution der Lebens-Gewohnheiten steht, kann knapp durch die Erfindung von Spielen neuer Art definiert werden. Das allgemeinste Ziel muß die Erweiterung des nicht mittelmäßigen Teils des Lebens einerseits und die möglichst weitgehende Verringerung der leeren Augenblicke andererseits sein. Man kann unsere Einwirkung auf das Verhalten also als das Unternehmen einer quantitativen Steigerung des menschlichen Lebens ansehen, das ernstzunehmender ist als die zur Zeit erforschten biologischen Verfahren. Dadurch hat sie eine qualitative Steigerung zu Folge, deren weitere Entwicklungsmöglichkeiten nicht vorauszusehen sind. Das situationistische Spiel unterscheidet sich von der klassischen Spielauffassung durch die radikale Verneinung der Charakterzüge des Wettkampfes und der Trennung vom gewöhnlichen Leben. Dagegen hebt sich das situationistische Spiel gegenüber einer moralischen Wahl nicht als unterschiedlich hervor, die eigentlich eine Parteinahme für das ist, was das zukünftige Reich der Freiheit und des Spiels sichert. Offensichtlich ist das, auf der Ebene der Produktivkräfte, zu der unsere Epoche gelangt, mit der Gewißheit einer ständigen und schnellen Zunahme der Freizeit verbunden. Es ist gleichzeitig mit der Anerkennung der Tatsache verbunden, daß vor unseren Augen ein Kampf um die Freizeit geführt wird, dessen Bedeutung für den Klassenkampf nicht genügend analysiert wurde. Heute gelingt es der herrschenden Klasse die Freizeit zu benutzen, die das revolutionäre Proletariat ihr abgerungen hat, indem sie einen breiten industriellen Freizeitsektor entwickelt, der ein unübertreffliches Werkzeug zur Verdummung des Proletariats durch Subprodukte der mystifizierenden Ideologie und der bürgerlichen Geschmacksrichtungen darstellt. Wahrscheinlich muß in diesem Überfluß an Fernsehgemeinheiten nach einem der Gründe für die Unfähigkeit der amerikanischen Arbeiterklasse gesucht werden, sich zu politisieren. Indem das Proletariat sich durch seinen kollektiven Druck eine leichte Erhöhung des Preises für seine Arbeit über das Minimum hinaus erkämpft, das zur Produktion dieser Arbeit notwendig ist, erweitert es nicht nur seine Kampffähigkeit, sondern auch das Schlachtfeld. Neue Formen dieses Kampfes erscheinen dann parallel zu den direkt ökonomischen und politischen Konflikten. Man kann sagen, daß die revolutionäre Propaganda bisher ständig in diesen Kampfformen in allen Ländern vorherrschend war, in denen die fortgeschrittene industrielle Entwicklung sie einführt. Einige Erfahrungen des 20. Jahrhunderts haben leider bewiesen, daß die notwendige Veränderung des Unterbaus durch Fehler und Schwächen auf der Ebene des Überbaus verzögert werden kann. Neue Kräfte müssen in den Kampf um die Freizeit geworfen werden und wir werden uns in ihm behaupten.

Der anfängliche Versuch einer neuen Verhaltensweise ist schon mit dem erreicht worden, was wir das Umherschweifen genannt haben und zwar zugleich die Praxis einer Entfremdung auf dem Gebiet der Leidenschaften durch eine eilige Veränderung der Stimmungen und ein Mittel zur Erforschung der Psychogeographie und der situationistischen Psychologie. Aber die Anwesenheit dieses Willens zur spielerischen Schöpfung muß auf alle bekannten Formen der menschlichen Beziehungen erweitert werden und z.B. die geschichtliche Entwicklung von Gefühlen wie Freundschaft und Liebe beeinflussen. Alles deutet auf die Annahme hin, daß es sich mit der Hypothese der Konstruktion von Situationen um den wesentlichen Teil unserer Forschung handelt.

Das Leben eines Menschen besteht aus einer Folge von zufälligen Situationen und wenn auch keine einer anderen genau gleicht, so sind zumindest diese Situationen in ihrer größten Mehrheit so undifferenziert und farblos, daß sie vollkommen den Eindruck der Gleichheit geben. Aus dieser Lage folgt, daß die seltenen, packenden Situationen, die man erleben kann, dieses Leben zurückhalten und streng begrenzen. Wir müssen versuchen, Situationen zu konstruieren, d. h. kollektive Stimmungen, eine Gesamtheit von Eindrücken, die die Qualität eines Augenblicks bestimmen. Wenn wir das einfache Beispiel der Zusammenkunft einer Gruppe von Individuen für eine bestimmte Zeit annehmen, sollte man erforschen - unter Berücksichtigung der Kenntnisse und der materiellen Mittel, die uns zur Verfügung stehen -, welche Organisation des Ortes, welche Auswahl der Beteiligten und welche Provokation von Ereignissen der gewünschten Stimmung entsprechen. Sicherlich werden sich die Möglichkeiten einer Situation sowohl zeitlich wie räumlich zusammen mit der Durchführung des unitären Urbanismus oder der Erziehung einer situationistischen Generation beträchtlich erweitern.

Die Konstruktion von Situationen beginnt mit dem modernen Zusammenbruch des Begriffs des Spektakels. Es ist leicht zu sehen, wie sehr gerade das Prinzip des Spektakels - die Nicht-Einmischung mit der Entfremdung der alten Welt verknüpft ist. Umgekehrt sieht man, wie die gültigsten revolutionären Forschungen auf dem Gebiet der Kultur versucht haben, die psychologische Identifizierung des Zuschauers mit dem Helden zu brechen, um ihn zur Tätigkeit zu bringen, indem seine Fähigkeiten, sein eigenes Leben umzugestalten, herausgefordert werden. So ist die Situation dazu bestimmt, von ihren Konstrukteuren erlebt zu werden. In ihr soll die Rolle des - wenn nicht passiven, so doch zumindest als bloßer Statist anwesenden - "Publikums" ständig verringert werden, während der Anteil derer zunehmen wird, die zwar nicht Schauspieler, aber in einem neuen Sinn des Wortes Lebemänner genannt werden können.

Man muß sozusagen die poetischen Gegenstände und Subjekte vervielfachen, die zur Zeit leider so selten sind, daß schon die kleinsten eine übertriebene Bedeutung bekommen; man muß weiter die Spiele dieser poetischen Subjekte mitten in diesen poetischen Gegenständen organisieren. Das ist unser ganzes Programm, das wesentlich ein Übergangsprogramm ist. Unsere Situationen werden flüchtig sein, ohne Zukunft. Durchgangsorte. Die Unwandelbarkeit der Kunst - oder von irgendetwas anderem - hat keinen Platz in unseren Erwägungen, die ernst gemeint sind. Der Gedanke der Ewigkeit ist der gröbste, den sich ein Mensch über seine Handlungen machen kann.

Die situationistischen Techniken müssen noch erfunden werden. Wir wissen aber, daß eine Aufgabe sich nur dort stellt, wo die zu ihrer Verwirklichung notwendigen materiellen Bedingungen schon vorhanden oder wenigstens im Entstehen begriffen sind. Wir müssen mit einer beschränkten Experimentalstufe beginnen. Vermutlich sollten wir, trotz unvermeidlicher anfänglicher Unzulänglichkeiten, Pläne von Situationen - wie Drehbücher - vorbereiten. Es wird also notwendig sein, ein System zu fördern, dessen Genauigkeit in dem Maße steigt, wie wir durch unsere Konstruktionsexperimente weiter kommen. Wir werden Gesetze erfinden oder nachprüfen müssen, wie dasjenige, das die situationistische Erregung von der äußersten Konzentration oder Zerstreuung der Gesten abhängig macht (wobei die klassische Tragödie ein ungefähres Bild für den ersten Fall, und das Umherschweifen für den zweiten liefert). Außer den direkten, zu ihren genauen Zielen benutzten Mitteln wird die Konstruktion von Situationen in ihrer Behauptungsphase eine neue Anwendung der Reproduktionstechniken verlangen. Man kann sich z.B. vorstellen, wie eine Fernsehsendung einige Aspekte einer Situation in eine andere übertragen und dadurch Änderungen und gegenseitige Einwirkungen bewirken könnte. Auf eine einfachere Weise aber könnte die sogenannte Wochenschau beginnen, ihrem Namen durch die Bildung einer neuen Schule des Dokumentarfilms gerecht zu werden, die sich darum bemühen würde, die bedeutungsvollsten Augenblicke einer Situation für das situationistische Archiv festzuhalten, bevor die Weiterentwicklung ihrer Elemente eine andere, verschiedenartige Situation hätte entstehen lassen. Da die systematische Konstruktion von Situationen vorher nicht vorhandene Gefühle erzeugen soll, würde der Film seine größte pädagogische Rolle in der Verbreitung dieser neuen Leidenschaften haben. Die situationistische Theorie behauptet entschieden eine ununterbrochene Lebensauffassung. Der Begriff der Einheitlichkeit wird von der Perspektive eines ganzen Lebens - in der er eine reaktionäre Mystifizierung ist, die sich auf den Glauben an die unsterbliche Seele und in letzter Konsequenz auf die Arbeitsteilung gründet - auf die vom Leben isolierten Augenblicke und die Konstruktion eines jeden Augenblicks durch den einheitlichen Gebrauch der situationistischen Mittel verlagert. In einer klassenlosen Gesellschaft, kann man sagen, wird es keine Maler mehr geben, sondern Situationisten, die unter anderem auch malen.

Das schwerwiegendste Gefühlsdrama des Lebens - der immerwährende Konflikt zwischen Begierde und der dieser feindlich gesinnten Wirklichkeit - scheint die Empfindung des Ablaufs der Zeit zu sein. Die situationistische Haltung besteht darin, auf die Vergänglichkeit zu rechnen im Gegensatz zu den ästhetischen Verfahren, die danach strebten, die Emotionen festzuhalten. Die situationistische Herausforderung an die vergehenden Emotionen und die Zeit wäre die Wette, mit der Veränderung immer wieder zu gewinnen, indem man im Spiel und in der Vervielfachung der aufregenden Perioden immer weiter ginge. Es ist für uns selbstverständlich zur Zeit nicht leicht, eine solche Wette einzugehen. Sollten wir sie aber auch tausendmal verlieren, so gibt es für uns doch keine andere progressive Haltung zu wählen.

Die situationistische Minderheit hat sich zuerst als Tendenz innerhalb der lettristischen Linken und dann in der Lettristischen Internationale gebildet, die sie schließlich unter ihre Kontrolle bringen konnte. Durch dieselbe objektive Bewegung werden andere avantgardistische Gruppen der jüngsten Zeit zu ähnlichen Schlußfolgerungen kommen. Zusammen müssen wir alle übriggebliebenen Reste der nahen Vergangenheit beseitigen. Wir meinen heute, daß eine Übereinstimmung für eine einheitliche Aktion der revolutionären Avantgarde in der Kultur auf der Basis eines solchen Programms zustande gebracht werden muß. Wir haben weder Rezepte noch endgültige Resultate. Wir schlagen nun vor, daß kollektiv eine experimentelle Forschung in einige Richtungen betrieben wird, die wir zur Zeit bestimmen, sowie in andere, die noch zu bestimmen sind. Die Schwierigkeit selbst, die ersten situationistischen Experimente durchzuführen, ist ein Beweis für die Neuheit des Gebietes, in das wir eindringen. Alles, was unsere Anschauung der Straßen verändert, ist wichtiger als das, was unsere Anschauung der Malerei verändert. Unsere Arbeitshypothesen müssen bei jeder zukünftigen Umwälzung, woher sie auch immer kommen mag, überprüft werden.

Besonders von der Seite der revolutionären Intellektuellen und Künstler aus, die sich aus Geschmacksgründen mit einer gewissen Machtlosigkeit abfinden, werden Stimmen laut werden, die diesen "Situationismus" für ziemlich ungefällig halten; wir hätten nichts Schönes geschaffen außer Schönheitsoperationen; man sollte lieber über Gide reden; und niemand sehe deutlich Gründe, sich für uns zu interessieren. Man wird ausweichen, indem man uns vorwirft, Haltungen zu wiederholen, die schon zu viel Staub aufgewirbelt haben und den bloßen Wunsch konstatieren, wir wollten die Aufmerksamkeit auf uns lenken. Man wird sich über das Vorgehen entrüsten, das wir bei einigen Gelegenheiten für richtig gehalten haben, um Abstand zu wahren oder erneut zu gewinnen. Darauf antworten wir: es handelt sich nicht darum zu wissen, ob ihr Interesse dafür habt, sondern ob ihr selbst unter den neuen Bedingungen des kulturellen Schaffens interessant seid. Eure Rolle als revolutionäre Intellektuelle und Künstler besteht nicht darin, laut aufzuschreien, es spreche der Freiheit Hohn, wenn wir uns weigern, zusammen mit den Feinden der Freiheit zu marschieren. Ihr braucht nicht die bürgerlichen Ästheten nachzuahmen, die versuchen, alles auf das schon Getane zu reduzieren, weil das schon Getane sie nicht stört. Ihr wißt, daß eine Schöpfung niemals rein ist. Eure Rolle ist es, euch nach dem umzusehen, was die internationale Avantgarde macht, euch an der konstruktiven Kritik ihres Programms zu beteiligen und zu ihrer Unterstützung aufzurufen.

Unsere unmittelbaren Aufgaben

Wir müssen in den Arbeiterparteien oder den in ihnen vorhandenen extremistischen Tendenzen die Notwendigkeit verfechten, eine konsequente ideologische Aktion ins Auge zu fassen, um auf dem Gebiet der Leidenschaften gegen den Einfluß der Propaganda-Methoden des hochentwickelten Kapitalismus zu kämpfen, bei jeder Gelegenheit konkret dem Spiegelbild der kapitalistischen Lebensweise andere, wünschenswerte Lebensweisen entgegensetzen; mit allen hyper-politischen Mitteln die bürgerliche Glücksvorstellung zerstören. Indem wir in der herrschenden Klasse der Gesellschaften das Vorhandensein von Elementen berücksichtigen, die aus Langeweile und Bedürfnis nach Neuigkeit immer wieder zu dem beitragen, was schließlich die Beseitigung dieser Gesellschaften bewirkt, müssen wir gleichzeitig die Personen, die einige grössere, uns fehlende Hilfsmittel besitzen, dazu anregen, uns die Mittel zu geben, unsere Experimente durchzuführen, indem sie uns einen ähnlichen - und ebenso rentablen - Kredit geben wir derjenige, der für die wissenschaftliche Forschung investiert wird.

Wir müssen überall eine revolutionäre Alternative zur herrschenden Kultur bieten; alle Forschungen koordinieren, die zur Zeit ohne Gesamtperspektive sind; durch Kritik und Propaganda die fortgeschrittensten Künstler und Intellektuellen aller Länder dazu bringen, zwecks gemeinsamer Aktion den Kontakt zu uns herzustellen.

Wir müssen uns für bereit erklären, die Diskussion auf der Basis dieses Programms mit all denen wieder aufzunehmen, die, nachdem sie sich an einer vorherigen Stufe unserer Aktion beteiligt haben, immer noch imstande sind, sich uns anzuschließen.

Wir müssen die Parolen des unitären Urbanismus, des experimentellen Verhaltens, der hyper-politischen Propaganda und der Konstruktion von Stimmungen behaupten. Die Leidenschaften sind oft genug interpretiert worden - es kommt jetzt darauf an, neue zu finden!